Björn Höcke tritt als Spitzenkandidat der Thüringer AfD zur Landtagswahl am 14. September 2014 an.

AfD-RLP: Sie haben die Frage nach der Identität als eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahrzehnte bezeichnet – wie sind Sie zu dieser Einschätzung gelangt?

hoeckeBjörn Höcke: Zunächst einmal handelt es sich dabei um eine Gefühlslage, darüber hinaus resultiert sie aus meiner persönlichen Beobachtung der Gesellschaft. Ich bin zudem entsprechend geprägt worden: Die Familie, die Heimat haben zu meiner Weltaneignung stark beigetragen. Die Frage nach der Identität: Wo kommt man her? Wo gehört man hin? Woraus lebt man?, haben in meinem Elternhaus eine große Rolle gespielt, so wie die Hinwendung zur eigenen Kultur. Ich liebe die deutsche Kultur, die mir den Weg zur europäischen Kultur gewiesen hat. Die Wertschätzung des Eigenen ist die Grundlage jeder Weltoffenheit.

Das Phänomen der Globalisierung hat es in unterschiedlichen Formen schon immer gegeben, aber der globalmobilen Jetztmenschheit droht eine Ortlosigkeit, die in letzter Konsequenz das soziale, ökologische und ökonomische Verantwortungsgefühl von Menschengruppen und einzelnen erodieren lässt. Verantwortung können die meisten Menschen nur für das Konkrete, Ihnen Verbundene übernehmen. Entwurzelung und Identitätsverlust bedingen in letzter Konsequenz dann eine Menschheit, für die die Möglichkeit einer sozialen, ökologischen und ökonomischen Homöostase in dieser Welt in weite Ferne gerückt ist.
Für die Herausbildung von autonomen Persönlichkeiten, und nur diese können freie Gesellschaftsformen leben, sind Bindungen notwendig – insbesondere Bindungen an die eigene Kultur und Heimat. Ich sollte sagen: Kulturen – denn ich sehe eine Vielfalt von Kulturen, die es zu erhalten gilt – und die letztlich auch durch eine falsch angelegte Globalisierung bedroht werden.

AfD-RLP: Die Thüringer AfD tritt mit einem betont konservativen Profil zur Wahl an …

Björn Höcke: Der konservativ-patriotische Flügel hat sicher ein Übergewicht. Und tatsächlich ist es eine Überlegung wert, ob ein Mehr an Freiheit, ein Mehr an Liberalismus nach insgesamt drei Generationen des Liberalismus, noch eine drängende Frage der Zeit ist. Wir leben bereits in einer sehr liberalen Gesellschaft, die im Namen des „Ich“ in Jahrzehnten dem „Wir“ fast alles abgerungen hat. Jeder Spaß ist gemacht, beinahe jedes Tabu gebrochen! Es kann also keinesfalls um ein mehr an gesellschaftspolitischem Liberalismus gehen. Natürlich ist die Thematisierung des Liberalismus immer auch mit einer Definitionsfrage verbunden. So erkenne ich für die staatspolitische Ebene weiterhin seinen Wert. Aber in diese Frage müssen wir jetzt nicht einsteigen. Es gibt viele Liberalismen – und die muß man denken können. Die AfD sollte jedoch in unserer Lage andere Akzente setzen.

AfD-RLP: Viele Parteifreunde und Menschen, die sich mit der AfD beschäftigen, sehen den Aufstieg der Partei als Teil einer neuen gesellschaftlichen Entwicklung, nämlich, dass weite Teile des Bürgertums zum ersten Mal staatsskeptisch geworden sind. Die AfD – so sagen viele – sei nur eine, parteipolitische Ausprägung dieser übergeordneten Entwicklung…

Björn Höcke: Es könnte durchaus sein, dass die AfD Teil dieser Entwicklung ist. Meine Kritik und Skepsis gelten jedoch nicht grundsätzlich dem Staat, sondern vielmehr seiner aktuellen Ausprägung. Ich möchte einen Staat mit starker Regierung und schlanker, funktionierender Verwaltung, die noch ein Dienstethos besitzt. Dazu gehört das Zurückdrängen der Parteien, die sich den Staat zur Beute gemacht haben. Den Verweis auf Preußen scheue ich in diesem Zusammenhang nicht, mit diesem Vorbild habe ich kein Problem. Für einen solchen Staat will ich mich einzusetzen und ihn als Leitbild politisch vertreten. Sie wissen ja, dass das rheinische Koblenz ein bedeutender preußischer Verwaltungssitz war.

AfD-RLP: In Thüringen gibt es eine traditionell etwas konservativere Union. Liegen im Allgemeinen und in Thüringen im besonderen nicht gerade hier Wählerreservoire, die wir erschließen müssen?

Björn Höcke: Die AfD muss in erster Linie die Partei der Demokratieerneuerung sein. Tatsache ist doch, dass sich viele von der Parteienlandschaft abgewandt haben, einige sogar von der Demokratie selbst – eine sehr beunruhigende Entwicklung. Ich schätze, dass es sich um bis zu 30% der Bürger handelt. Die AfD ist und muss deshalb die Partei der Nichtwähler sein. Natürlich haben wir darüber hinaus gerade bei wertorientierten Wählern der Union Chancen. Heute sind CDU und CSU doch keine weltanschaulich gebundenen Parteien mehr sondern nur noch Marketingstrategien. Wer immer nur „bunter, großstädtischer“ werden will, wie das aktuell von der Parteispitze angestrebt wird, der zerfließt in Beliebigkeit. Hier kommt mir der bekannte Aphorismus von Kurt Tucholsky in den Sinn: „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“ Da liegt für die AfD ein großes Wählerpotential brach – die Union hat ihre rechte Flanke weit aufgemacht und zwar auf allen Gebieten.

AfD-RLP: Immerhin kann die Thüringer CDU, ihr bedeutendster Wahlgegner, mit ihrem Fraktionsvorsitzenden Mohring jemanden vorweisen, der sich konservativ profilieren kann…

Björn Höcke: Er mag teilweise konservativer eingestellt sein, und dennoch ist er – was eigentlich viel wesentlicher ist – ein typischer Berufspolitiker. Er ist ein Apparatschik, der meines Wissens keinen Beruf erlernt und über einen gewissen Zeitraum jenseits des Parteienbetriebs ausgeübt hat. Einen Masterabschluss hat er wohl erst vor einigen Jahren, vermutlich aus taktischen Erwägungen, im Fernstudium nachgeholt. Letzteres ist eine Leistung, keine Frage. Aber die Prägung ist die eines Jungunionisten und Parteikarrieristen. Er wurde entsprechend abgeschliffen. Mohring will Ministerpräsident werden, das ist sein gutes Recht. Aber der gerade schon angesprochene Karriereweg bringt die typischen Verbiegungen mit sich. Zumal er offensichtlich problemlos zwischen konservativen Kreisen in der Union und der sogenannten „Pizza-Connection“ [einem schwarzgrünen Gesprächskreis auf Bundesebene]hin und her gleiten kann. Immerhin ist er konservativer als die amtierende Ministerpräsident Lieberknecht, die bei uns in Thüringen als „Doppeltes Lottchen“ agiert und eine Kopie Merkels ist. Lieberknecht ist eine Politikverwalterin, die keine inhaltlichen Akzente setzt. Aus der CDU bekommen wir seit längerer Zeit Signale der Zustimmung, teilweise schon nicht mehr hinter vorgehaltener Hand. Wir sind vielen CDU-Mitgliedern sympathisch und man wünscht uns Erfolg. Gerade weil man uns als notwendiges Korrektiv begreift, das dazu beitragen könnte, die Kräfte innerhalb der CDU zu stärken, die ein wertorientiertes Profil wollen.

AfD-RLP: Als Spitzenkandidat suchen sie den Kontakt mit den Medien. Welche Erfahrungen haben Sie bislang gesammelt?

Björn Höcke: So und so. Ich habe festgestellt, dass viele Journalisten sich durchaus die Mühe gemacht haben, genau hinzuhören wenn sie erkannt haben, dass ihnen jemand gegenübersitzt, der das Politische nicht unbedingt gesucht und sich vor seinem politischen Engagement intensiv Gedanken gemacht hat. Viele fanden schließlich zu einer differenzierten Bewertung, in der ich mich wiedergefunden habe. Trotz Kritik, wurden meine Positionen angemessen dargestellt. In dem Verhältnis zu den Medien sehe insgesamt also eine positive Entwicklung. Natürlich muss man einfach konstatieren, dass es Medien gibt, die ganz grundsätzlich und fortwährend negativ über die AfD berichten, weil es schlichtweg der politischen Ausrichtung des Blattes entspricht. Dazu zähle ich die „Zeit“, die einfach ein links-liberales Kampfblatt ist. Das amüsante an dieser Zeitung ist, das sich deren Macher augenscheinlich als progressive Intellektuelle wahrnehmen und dabei eigentlich nur die „Welt von gestern“ personifizieren. Um das zu erkennen braucht man allerdings ein historisches Tiefenbewußtsein, das den meisten Akteuren des politischen und medialen Betriebes in diesem Land leider fehlt. Diesen Medien noch Interviews zu geben ist eigentlich Zeitverschwendung, weil die Tendenz bereits vorher feststeht.

AfD-RLP: Rheinland-Pfalz und Thüringen sind sich von der Struktur recht ähnlich: kaum Großstädte, teilweise agrarisch strukturiert – im Wahlkampf und darüber hinaus ergeben sich sicher Möglichkeiten der Zusammenarbeit…

Björn Höcke: Wir hatten gerade Wahlhelfer von der südlichen Weinstraße hier zu Gast. Wir haben nicht nur gemeinsam Flyer verteilt und Plakate aufgehangen, sondern auch viele Gespräche geführt, in denen große politische Gemeinsamkeiten aufdeckt werden konnten. Ebenso erhielt ich einen guten Einblick in den rheinland-pfälzischen Landesverband. Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen, um herzlich zu grüßen.

AfD-RLP: Die Familienpolitik ist für unsere Partei ein zentrales Thema, das gerade programmatisch aufbereitet wird. Bernd Lucke hat in der „Rhein-Zeitung“ jüngst das Leitbild der Dreikinder-Familie vertreten, insbesondere vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung. Wer dieses Leitbild vertritt, stößt manchmal auf Unverständnis und Widerstand…

Björn Höcke: Die Dreikinder-Familie ist eine biologische und logische Notwendigkeit, denn statistisch müssen je Frau 2,1 Kinder geboren werden, um die Bevölkerungsgröße konstant zu halten. Sowohl Russland als auch Japan haben die Dreikinder-Familie mit Blick auf die Vergreisungstendenzen ihrer Völker zum offiziellen gesellschaftspolitischen Leitbild erhoben. Ich habe das auch schon sehr früh so vertreten. Man muss feststellen, dass die Zukunft unseres Landes und unseres Volkes durch Kinder und ihre Erziehung sichergestellt wird. In diesem Zusammenhang hat sich die Ehe als besonders nachhaltig und wertvoll erwiesen, trotz – und das will ich gar nicht ausblenden – mancher unglücklicher und nicht funktionierender Ehe. Mit dieser Meinung halte ich nicht hinter dem Berg.

Die Familie prägt, sie vermittelt Dinge, die in der Schule nur noch sehr schwer nachgeholt werden können und wenn: nur zu Lasten der Wissensvermittlung, die wieder essentiell wichtig für den Einstieg in das Berufsleben ist. Damit wird die zentrale Bedeutung von Ehe und Familie deutlich. Aus der Vereinigung zwischen Mann und Frau gehen Kinder hervor, deshalb sehe ich den Ehebegriff dort – im Hinblick auf Mann und Frau – als gerechtfertigt an. Insbesondere Polarität bedingt Entwicklung. Die zwischen Frau und Mann ist eine wesentliche.

Das Interview mit Björn Höcke führte Joachim Paul am 18.08.2014